Die Frage
Was würde es kosten, die Goslarer Altstadt klimaneutral zu heizen?
Eine fünfteilige Recherche unseres Mitgründers Oliver Lietz hat sich genau das ausgerechnet — Gebäude für Gebäude, Euro für Euro. Wir fassen die Kernzahlen hier zusammen und haben zu jeder Berechnung die zugrunde liegende Primärquelle direkt verlinkt, statt nur auf die Zusammenfassung selbst zu verweisen.
Dieser Beitrag fasst eine fünfteilige Artikelserie zusammen, die Oliver Lietz auf seinem Blog golietz.de veröffentlicht hat (siehe Quellenbox am Ende). Für Methodik, Fußnoten und Detailrechnungen empfehlen wir die Originalartikel. Hier prüfen und verlinken wir zusätzlich die Primärquellen, auf denen die einzelnen Zahlen beruhen.
Der Ausgangsbefund: Sanierungsbedarf ohne Wärmewende
Berechnung Eine Untersuchung von 398 Gebäuden im Südostquartier der Altstadt fand: 76 % weisen irgendeinen Sanierungsbedarf auf (15 % hoch, 14 % mittel, 47 % gering). Mit durchschnittlichen Kosten von rund 15.000 € (gering), 50.000 € (mittel) und 100.000 € (hoch) pro Gebäude ergibt sich für die untersuchten Gebäude ein Bedarf von rund 12,9 Millionen Euro — hochgerechnet auf alle rund 1.500 Fachwerkhäuser der Altstadt rund 49 Millionen Euro, und das bevor überhaupt an Wärmewende gedacht wird.
Quelle: Stadt Goslar, „Vorbereitende Untersuchung – Altstadt südöstlicher Teil“ (2020) — PDF, goslar.de; Gebäudezahl laut Stadt Goslar, „Handbuch für die energetische Sanierung in der Welterbe-Altstadt“ — PDF, goslar.de
Was eine Wärmepumpe im Fachwerkhaus wirklich kostet
Berechnung Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe kostet inklusive Planung, Installation und teilweisem Heizkörpertausch für ein Modellhaus (150 m², 10 kW) rund 48.300–53.300 €.
Quelle: Ariadne-Projekt (Kopernikus-Projekte / Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE), „Analyse: Heizkosten und Treibhausgasemissionen in Bestandswohngebäuden“ — ariadneprojekt.de
Fakt Damit eine Wärmepumpe effizient läuft, sollte die Vorlauftemperatur der Heizung höchstens 55 °C betragen (der sogenannte „Niedertemperatur-ready“-Standard). Historische Fachwerkwände (nur 18–20 cm dick) erreichen das ohne zusätzliche energetische Ertüchtigung in der Regel nicht.
Quelle: Umweltbundesamt, „Operationalisierung des Niedertemperatur-ready-Standards“ — umweltbundesamt.de
Berechnung Die dafür nötige energetische Ertüchtigung kostet rund 380 €/m², bei einem Modellhaus von 150 m² noch einmal rund 57.000 €. Ein dokumentiertes Beispiel aus dem städtischen Sanierungshandbuch (Kornstraße 78, Baujahr um 1760) erreichte nach umfangreicher Sanierung 12 % geringeren Energiebedarf und 36 % weniger Transmissionswärmeverlust — konnte aber selbst danach nicht zweifelsfrei als wärmepumpentauglich bei 55 °C bestätigt werden.
Quelle: 380 €/m² laut Ariadne-Metaanalyse zu energiebedingten Mehrkosten der Sanierung (Effizienzstandard EH-115) — ariadneprojekt.de; Fallbeispiel Kornstraße 78 laut Stadt Goslar, Sanierungshandbuch — PDF, goslar.de
Die 216-Millionen-Frage
Berechnung Addiert man allgemeine Sanierung, Wärmepumpen und energetische Ertüchtigung für alle rund 1.500 Fachwerkhäuser, ergibt sich – angepasst an gestiegene Baupreise – ein mittleres Szenario von rund 216 Millionen Euro, im Durchschnitt etwa 144.000 € pro Gebäude bei erheblicher Streuung im Einzelfall.
Quelle: Preisanpassung auf Basis Statistisches Bundesamt, Baupreise für Wohngebäude (Instandhaltung), Mai 2026: +5,0 % gegenüber Vorjahr — destatis.de; Grundrechnung siehe Ariadne-Projekt und Stadt-Goslar-Quellen oben
Fakt Hinzu kämen noch nicht bezifferte Kosten für die Verstärkung der Stromnetze: Der regionale Netzbetreiber Harz Energie kalkuliert für die kommenden zehn Jahre mit mehr als 120 Einzelprojekten und einem jährlichen Investitionsbedarf von rund 48 Millionen Euro (u.a. für Wärmepumpen, E-Mobilität und neue Verbraucher in der Region) – nicht Goslar-Altstadt-spezifisch, sondern für das gesamte Netzgebiet.
Quelle: Harz Energie Netz, „Versorgung von morgen entsteht heute“ — harzenergie.de; Einordnung der Wärmenetz-Temperaturklassen: Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende (KWW) — kww-halle.de
Wenn das Welterbe wirtschaftlich unzumutbar wird
Fakt Das verbindet sich mit genau der Rechtsfrage, die wir in unserem Artikel „Denkmalschutz zwischen Bewahren und Bewohnen“ beschrieben haben: Das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz befreit Eigentümerinnen und Eigentümer von der Erhaltungspflicht, wenn sie wirtschaftlich unzumutbar wird — aber diese Prüfung bezieht sich auf den Ertragswert des Gebäudes, nicht auf die persönliche finanzielle Lage der Eigentümerin oder des Eigentümers. Ein Gebäude kann auf dem Papier sanierungsfähig sein, während die Person, der es gehört, das Geld dafür schlicht nicht hat — und muss dafür meist noch teure Gutachten selbst finanzieren, um die Unzumutbarkeit überhaupt nachzuweisen.
Quelle: § 7 Niedersächsisches Denkmalschutzgesetz — NI-VORIS
Fakt Diese Frage trifft Eigentümerinnen und Eigentümer nicht isoliert, sondern zeitgleich mit mehreren anderen finanziellen Entwicklungen: Im Juli 2026 lag die Inflationsrate bei 2,8 %, die Energiepreise stiegen um 8,3 % gegenüber dem Vorjahr. Der CO₂-Preis für Öl- und Gasheizungen bewegt sich 2026 in einem Versteigerungskorridor von 55–65 Euro pro Tonne. Gleichzeitig stiegen die gesetzlichen gesetzlichen Renten zum 1. Juli 2026 um 4,24 % — was zeigt, dass Alterseinkommen zwar steigen, aber nicht notwendigerweise im gleichen Tempo wie Sanierungs- und Energiekosten.
Quelle: Statistisches Bundesamt, „Inflationsrate im Juli 2026 bei +2,8 %“ — destatis.de; Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt), CO₂-Preiskorridor 2026 — dehst.de; Deutsche Rentenversicherung, „Rentenanpassung 2026: Renten steigen im Juli um 4,24 Prozent“ — deutsche-rentenversicherung.de
Einschätzung der Initiative Genau das ist der Punkt, den wir mit dieser Website sichtbar machen wollen: Wenn Klimavorgaben, Denkmalschutzauflagen, steigende Lebenshaltungskosten und eine Rente, die nicht zwangsläufig mit den Sanierungskosten Schritt hält, gleichzeitig auf denselben Haushalt einwirken, trifft es zuerst diejenigen, die am wenigsten finanziellen Puffer haben — mit möglichen Folgen wie aufgeschobenen Reparaturen, Notverkäufen unter Wert, Konzentration von Altstadtimmobilien bei kapitalstarken Käufern und steigendem Leerstand. Diese Einschätzung ist unsere eigene Zusammenführung der oben verlinkten Fakten, keine eigenständig recherchierte neue Tatsachenbehauptung.
Was bedeutet das konkret?
Für Eigentümerinnen und Eigentümer heißt das: Die Größenordnung möglicher Kosten sollte vor jeder Entscheidung realistisch bekannt sein — und das Gesetz kennt tatsächlich eine Härtefallregelung, deren Nachweis aber selbst Geld kostet. Für die Stadt heißt es: Eine ehrliche, gebäudescharfe Wärmeplanung mit echten Zahlen ist keine Kür, sondern Voraussetzung, um eine faire Lastenverteilung überhaupt diskutieren zu können.
Welche Fragen sind noch offen?
- Offene Frage Wie ist der aktuelle Stand der kommunalen Wärmeplanung der Stadt Goslar für die Altstadt — insbesondere zu möglichen Fernwärme-Gebieten, Anschlussquoten und Temperaturniveaus?
- Offene Frage Gibt es in Goslar bereits dokumentierte Fälle, in denen die wirtschaftliche Unzumutbarkeit nach § 7 NDSchG anerkannt wurde — und wie viele Eigentümerinnen und Eigentümer haben ein entsprechendes Verfahren überhaupt schon versucht?
- Offene Frage Welcher Anteil des Netzausbaubedarfs von Harz Energie entfällt konkret auf die Goslarer Altstadt, und welcher auf das übrige Versorgungsgebiet?
Quellen & Stand
Stand: September 2026. Primärquellen zu jeder Berechnung stehen direkt im Text unter der jeweiligen Zahl. Diese Liste ergänzt sie um die Gesamtübersicht und die Originalserie, auf deren Recherche und Aufbereitung dieser Beitrag beruht.
- Stadt Goslar: Vorbereitende Untersuchung – Altstadt südöstlicher Teil (2020) — PDF
- Stadt Goslar: Handbuch für die energetische Sanierung in der Welterbe-Altstadt — PDF
- Ariadne-Projekt (Kopernikus-Projekte / Fraunhofer ISE): Analyse Heizkosten und Treibhausgasemissionen in Bestandswohngebäuden — ariadneprojekt.de
- Umweltbundesamt: Operationalisierung des Niedertemperatur-ready-Standards — umweltbundesamt.de
- Statistisches Bundesamt: Baupreise für Wohngebäude, Mai 2026 — destatis.de
- Statistisches Bundesamt: Inflationsrate Juli 2026 — destatis.de
- Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt): CO₂-Preiskorridor 2026 — dehst.de
- Deutsche Rentenversicherung: Rentenanpassung 2026 — deutsche-rentenversicherung.de
- Harz Energie Netz: Versorgung von morgen entsteht heute — harzenergie.de
- Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende (KWW) — kww-halle.de
- § 7 Niedersächsisches Denkmalschutzgesetz — NI-VORIS
Originalserie (Recherche & Aufbereitung): Oliver Lietz, golietz.de — Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5